Die inneren Stimmen
Die Stimme des Vaters / Die Stimme der Mutter

Wir kopieren das Verhalten naher Bezugspersonen

Ohne uns dessen bewusst zu sein, kopieren wir das Verhalten naher Bezugspersonen. Das bedeutet, wir fangen an mit uns selbst in derselben Art und Weise zu reden, wie damals unsere Eltern mit uns kommunizierten. Diese kopierte Kommunikation mit sich selbst wird hier als die innere Stimme der Mutter oder des Vaters bezeichnet. Hatten wir beispielsweise eine umsorgende, tröstende Mutter, so wenden wir dieses Verhalten später auch auf uns selbst und andere an. Dann trösten wir uns selbst, wenn es uns schlecht geht. Hatten wir eine gefühllose Mutter, die kein Verständnis für uns zeigte, haben wir später auch kein Verständnis für uns, wenn es uns schlecht geht. Statt uns zu umsorgen, schimpfen wir mit uns.

Nahe Bezugspersonen

Nahe Bezugspersonen sind jene Menschen, zu denen wir häufig Kontakt haben, oder die eine besondere Bedeutung für uns haben. Anfangs ist das die Herkunftsfamilie – Eltern, Geschwister, Großeltern, Tanten und Onkel. Später weitet sich dieser Kreis aus und betrifft auch Personen außerhalb der Familie – wie Freunde, Mitschüler, aber auch Nachbarn, Lehrer, Chefs oder Partner. Von allen, die uns nahe stehen bauen wir innere Beziehungsbilder und dazugehörende innere Stimmen auf. 

Beziehungserfahrungen beeinflussen unsere Beziehung zu uns selbst

Nahe Bezugspersonen prägen unsere Beziehungserfahrungen und bestimmen somit maßgeblich, wie wir uns selbst behandeln. Wie sie in Beziehung mit uns waren, so gehen wir in Beziehung mit uns selbst. Haben wir Glück, erwerben wir einen günstigen Umgang mit uns selbst. Doch das ist nicht immer so. Hatten wir beispielsweise eine kalte und ablehnenden Mutter, so verinnerlichen wir dieses Verhalten. Wir entwickeln eine innere Mutter-Stimme, die ablehnend und kalt ist. Hatten wir einen Vater, der uns ignorierte, entwickeln wir eine innere Vater-Stimme, die ignorant ist. Immer wenn diese Vater-Stimme aktiv ist, nehmen wir uns selbst nicht wahr oder ignorieren uns. Hatten wir einen Großvater, der uns ablehnte, entwickeln wir eine ablehnende Großvater-Stimme.
Das Verhalten von nahen Bezugspersonen zu kopieren ist ein Automatismus, der uns allen innewohnt. Dieser hört nie auf zu wirken. Auch spätere Beziehungserfahrungen haben Einfluss auf uns, die positiven wie die negativen. Haben wir einen Lehrer oder einen Partner, der uns klein macht und meint wir wären unfähig, brennt sich auch deren Stimme in uns ein.


Alternativerfahrungen können solche Beziehungserfahrungen lockern

Üblicherweise leben wir nicht isoliert, daher ist die elterliche Prägung nicht die einzige. Wenn uns der Vater ignorierte, aber der Großvater liebevoll war, so lockern die Beziehungserfahrungen mit dem Großvater die Vaterprägung. Dann gibt es zwar eine ignorante Vater-Stimme, der jedoch eine liebevolle Opa-Stimme gegenübersteht. Werden beide Stimmen aktiviert, erleben wir eine innere Ambivalenz, oder gar wie die Stimmen in uns streiten. So, als würde ein Teufelchen und ein Engelchen auf uns einreden.
Mit dieser Beziehungsprägung arbeitet auch die Psychotherapie. Aus diesem Grund wird Wert auf die therapeutische Beziehung gelegt. Gelingt diese, können ursprüngliche negative Beziehungserfahrungen ausgeglichen werden. Wir entwickeln nämlich auch eine innere Stimme des Therapeuten.


Haben wir viele negative innere Stimmen, wird es schwierig

Haben wir in unserer Kindheit kaum positive innere Stimmen entwickelt, wird es später schwierig. Dann beherrschen uns negative inneren Stimmen. Diese kommentieren alle neuen Erfahrungen und haben somit das Potential neue positive Beziehungserfahrungen zu zerstören. Werden wir uns der negativen inneren Stimmen nicht bewusst, haben wir kaum eine Chance ihnen zu entkommen.

Wie werden äußere Stimmen zu inneren Stimmen?

Zuerst erleben wir im Außen eine Wiederholung gleicher Inhalte. Eine Mutter, die ab und zu ablehnend ist, oder eine Lehrerin, die einmal sagt wir sind dumm, hat keinen großen Einfluss. Erst stete, sich wiederholende Informationen zeigen Auswirkungen. Wiederholen sich Inhalte, werden diese von der Psyche aufgenommen und integriert.  Die äußere Wiederholung wird zu einer Erwartung und schlussendlich zu einem inneren Glauben. Wiederholt die Lehrerin ständig wie dumm wir sind, gehen wir davon aus, dass wir das nächste Mal auch wieder einen Blödsinn sagen. Fragen der Lehrerin oder Prüfungen verunsichern uns. Damit zeigen sich erste psychische Auswirkungen. Mit der Zeit verinnerlichen wir das Gesagte und glauben selbst, dass wir dumm sind. Von nun an wird uns die innere Stimme der Lehrerin bei jeder Gelegenheit aufzeigen, wie dumm wir sind. Warf uns der Vater ständig vor, wie faul wir sind, wiederholt der Verstand auch diese Information. Unser Verstand reagiert wie ein Papagei, der alles, was er öfter hört, nachplappert. Die aufgenommenen Inhalte werden weder überprüft noch in Frage gestellt, sondern einfach übernommen. So werden aus äußeren Stimmen innere Gedanken. Auch wenn wir längst aus der Schule sind, der Vater verstorben ist, tragen wir die Stimme der Lehrerin oder des Vaters weiter in uns. Die reale Stimme des Vaters, der Lehrerin… wird nicht mehr benötigt. In uns wiederholt sich was sie damals sagten. Innere Stimmen haben massive Auswirkungen auf uns. Während wir dem Vater, oder der Lehrerin noch entkommen konnten, entkommen wir uns selbst nicht mehr. Sind die Stimmen verinnerlicht worden, wirken sie kontinuierlich auf uns ein. Weil sie vertraut sind, sind wir diese Stimmen gewohnt, sie fallen uns nicht mehr auf.

Die Aktivierung der inneren Stimmen

Geraten wir in ähnliche Situationen wie damals, werden die inneren Stimmen wieder aktiviert.  Wenn wir nichts tun, erscheint die Vater-Stimme, die besagt: „du bist faul“. Läuft etwas schief erscheint die Lehrer-Stimme, die besagt: „du bist zu dumm für alles“. Sind wir aktiv und erfolgreich im Handeln, bleiben die Stimmen stumm. Gerade in Situationen in denen etwas nicht funktioniert oder es uns schlecht geht, werden häufig abwertende innere Stimmen aktiviert.

Negative und positive innere Stimmen

Wie bereits erwähnt, gibt es auch gute innere Stimmen, welche durchaus günstig für unser Leben sind. Sie richten uns auf, wenn es uns schlecht geht, motivieren, trösten uns, usw. Doch es gibt auch negative innere Stimmen, die uns schaden. Dies sind jene Stimmen, die uns selbst negative beurteilen und abwerten. Solche Stimmen machen uns klein, hilflos, hässlich oder dumm. Negative innere Stimmen greifen unser Selbst an und verhindern eine Weiterentwicklung. Daher ist es für uns günstig diese Stimmen als solche zu erkennen und schlussendlich eine eigene innere Stimme zu entwickeln.

©  Mag. Brigitte Fuchs