Wer trägt die Verantwortung?
Wer hat Schuld
?
B. war verärgerte. Sie hatte ihren Partner doch extra gebeten heute Abend etwas zu kochen. Doch als sie nach Hause kam, lag er auf der Couch und hatte nur für sich etwas zum Essen gemacht. An sie hatte er – wie immer – nicht gedacht! Nie tat er etwas für sie, während sie sich ständig um Haushalt und kochen kümmerte.

Herr N. nutzte sein berufliches Umfeld um seinen Kommunikationsdrang zu stillen. Abgelenkt von seinen Erzählungen schaffte er sein Arbeitspensum nicht. Dass Kollegen einen Teil seiner Arbeit erledigten, war doch nicht seine Schuld. Er fand es unfair, dass sie ihm dies vorwarfen, er hatte sie doch nie darum gebeten!

Schniefend lümmelte L. auf dem Sofa ihrer Freundin, sie war wieder allein. Irgendwie landete sie stets bei Männern, die nicht nett mit ihr waren, die sie belogen und betrogen. Sie schimpfte über ihren Ex und über ihre Schwester, die tatsächlich meinte, sie sei selbst schuld daran und sie solle etwas verändern. Das war doch nicht ihre Schuld, dass sie so ein Pech mit Männern hatte.

H. hatte seine Frau ziemlich verletzt. „Du musst dich ändern“, warf sie ihm vor. Doch H. konterte: „Ich kann doch nichts dafür, dass ich mit Gefühlen nichts anfangen kann, das habe ich nie gelernt.

Wer trägt denn jetzt die Verantwortung für das Abendessen, den Haushalt, die Erledigung seiner Aufgaben, die Gestaltung der Beziehung oder den Umgang mit Gefühlen? Für die meisten noch wichtiger ist allerdings die Frage: Wer ist schuld, wenn Dinge nicht funktionieren?
In Beziehungen ist Verantwortung und Schuld ein durchaus geläufiges Streitthema und das, obwohl gerade über Verantwortlichkeiten wenig gesprochen wird. Oft wird in Liebesbeziehungen, in familiären Beziehungen, aber auch in Arbeitsbeziehungen nicht klar definiert, wer welche Aufgaben und Verantwortlichkeiten hat. Doch auch wenn nicht klar ausgesprochen ist, wer was zu tun hat, trägt doch jeder irgendwie eine Erwartungshaltung an den andern in sich. Solange Bereiche funktionieren, ist es kein Problem, doch funktionieren Dinge nicht, kommt es zu Enttäuschungen, Vorwürfen und Schuldzuschreibungen.

Doch schauen wir uns einmal an, wo die Verantwortung liegen könnte. Jede Begegnung findet zwischen einem ICH und einem DU statt und ist eingebettet in eine SITUATION. Somit beeinflussen ICH, DU so wie die jeweilige SITUATION das Geschehen. Die Verantwortlichkeit ist dabei weder vorherbestimmt noch fixiert, sie wird zugeschrieben. Wir schreiben die Verantwortung für das Gestalten, Gelingen oder Misslingen von Situationen jemanden zu.

Entweder:
  • fühle ICH mich zuständig
  • bist DU verantwortlich oder
  • es liegt an der SITUATION.

Nicht immer fällt es uns leicht zu erkennen, wem wir die Verantwortung zuschreiben. Einfacher ist es, sich zu fragen, wem wir die Schuld geben. Denn der, der in unserer Vorstellung die Verantwortung hat, dem geben wir auch die Schuld, wenn etwas misslingt.

Für eine einfachere Darstellung werden die drei Verantwortungsbereiche in einer Extremposition beschrieben. Üblicherweise finden sich aber Mischvarianten, wir fühlen uns für gewisse Dinge, Menschen, Situationen verantwortlich und für andere nicht.
Die Welt lastet auf meinen Schultern - ICH trage die „volle“ Verantwortung
Ich kann mich prinzipiell für etwas verantwortlich fühlen, kann die Verantwortung für etwas aber auch von jemandem übertragen bekommen. Dann fühle ich mich beispielsweise verantwortlich für meine Gefühle und Bedürfnisse, meine Beziehungen, dass es anderen gut geht, dass Dinge wie Haushalt, Hausaufgaben erledigt, Rechnungen bezahlt sind oder Situationen, wie Urlaube, geplant und organisiert werden und dann natürlich auch gelingen.

Denkmuster, die auf eine übernommene Eigenverantwortung hinweisen:
  • Ich bin für mein Leben und meine Beziehungen verantwortlich
  • Wenn ich es nicht mache, macht es keiner
  • Wenn ich mich ausreichend bemühe, kann ich alles erreichen
  • Ich fühle mich verantwortlich für andere Menschen, dass es denen gut geht …
  • Wenn mir Menschen wichtig sind, bin ich bereit viel zu investieren
  • Ich bin schuld, wenn etwas nicht so läuft, wie es laufen sollte
  • Ich beziehe negative Gefühle von anderen rasch auf mich

Die positive Seite der Eigenverantwortung
Übernehmen wir für etwas die Verantwortung, gibt uns dies ein Gefühl von Machbarkeit. Wir können etwas bewirken, können Dinge bewegen und verändern. Aufgrund der Verantwortungsübernahme schreiben wir uns auch ein Gelingen zu. Das schafft Selbstvertrauen, so wie ein Gefühl von Handlungskompetenz. Vor allem Personen, die eine Führungsrolle innehaben, sollten fähig zur Verantwortungsübernahme sein.

Die negative Seite der Eigenverantwortung
Das Gefühl der Machbarkeit impliziert, dass irgendwie alles machbar und lösbar ist. In seiner extremsten Ausprägung landet man hier in der Annahme: „Wenn ich nur das Richtige mache, mich ausreichend anstrenge, kann ich alles zum Positiven wenden“.  Doch nicht alles ist immer lösbar. Funktioniert etwas nicht, wie die Beziehung oder das Projekt, bin ich schuld. Ich hätte es besser machen können, mich mehr anstrengen und bemühen müssen. In der extremsten Form gibt mach sich die Schuld an allem.

Häufig stellen wir hohe Ansprüche an uns selbst, haben wenig Mitgefühl mit uns und achten nicht ausreichend auf die eigenen Grenzen. Wir neigen dazu, zu viel für andere oder Vorhaben zu tun und zu wenig für uns selbst. Wir investieren zu viel in Freundschaften, Familie, Arbeit und Bereiche, wo wenig oder nichts zurückkommt. Leicht fällt man in eine aufopfernde Haltung, bis man ausbrennt.

Eine alleinige Verantwortungsübernahme für alles, überfordert; man schadet sich selbst. Häufig übernimmt man auch Verantwortungen, die man gar nicht hat, nur weil man mit dem anderen nie darüber gesprochen hat. Doch auch für andere ist diese Verantwortungsübernahme nicht unbedingt günstig. Denn damit entziehe ich anderen die Verantwortung. Der andere verliert an Selbstständigkeit, wird abhängig und bekommt kein Übungsfeld zur Entwicklung eigener Handlungskompetenzen.
Wenn du alles Richtig machst, ist alles gut - DU trägst die „ganze“ Verantwortung
In dieser Form der Zuschreibung übergebe ich dir die Verantwortung. Du musst dich um etwas oder mich kümmern, du bist zuständig für meine Gefühle und Bedürfnisse, du bist verantwortlich für unsere Beziehung, unsere Freundschaft, du musst schauen, dass der Haushalt läuft, Geld hereinkommt, etc.
Das Leidvolle an dieser Haltung ist, dass dem anderen zwar die volle Verantwortung zugeschrieben hat, dieser aber dafür weder Dank noch Wertschätzung erfährt. Eine Haltung, die wir als Kind in Verbindung mit unserer Mutter kennen. Solange die Mutter alles „richtig macht“, ist alles gut, aber wenn die Lieblingshose nicht gewaschen ist oder sie etwas Wichtiges vergisst, dann ist es ein Drama.

Denkmuster, die darauf hinweisen, dass ich dir die Verantwortung gebe:
  • Du bist zuständig dafür, dass ich mich gut fühle, dass ich motiviert bin, meine Dinge erledige
  • Du bist zuständig für den Haushalt, die Kindererziehung, das Einkommen, die Beziehung, den Urlaub
  • Wenn du mich liebst, musst du wissen, was ich brauche und das richtige tun
  • Wenn dir die Beziehung wichtig ist, dann wirst du dich um mich bemühen
  • Wenn du dich änderst, ist alles gut, habe ich keine Probleme mehr
  • Ich kann nichts tun, es liegt an dir.

In Beziehungen lassen sich häufig Konstellationen finden, wo ein Partner in der ICH-Verantwortung ist, während sich der andere Partner in der DU-Verantwortungszuschreibung befindet. Das liegt daran, dass eine DU-Zuschreibung besonders erfolgreich ist, wenn man ein Gegenüber hat, der die Verantwortung gerne auch übernimmt. Befinden sich beide Partner in der Du-Haltung, dann findet sich der klassischen Beziehungsstreit: „Du bist schuld, es liegt alles nur an dir, du musst dich ändern!“.

Die positive Seite der Verantwortungsabgabe
Ist der andere für etwas verantwortlich, so ist das durchaus bequem, weil wir selbst weniger Verantwortung tragen. Machen wir den anderen für alles verantwortlich, dann bleiben wir in der Rolle eines Kindes. Weil der andere die Verantwortung trägt, ist er auch schuld und wir bleiben unschuldig.
Wird die Verantwortung für etwas bewusst abgegeben, kann das auch bedeuten, dass wir dem anderen zutrauen, diese Aufgabe zu erledigen und an der Aufgabe zu wachsen.

Die negative Seite der Verantwortungsabgabe
Übergeben wir anderen die Verantwortung, macht uns dies abhängig. Wir selbst können dann nicht mehr gestalten, sondern nur warten, bis der andere sich so verhält, wie wir es bräuchten. In seiner extremsten Form fallen wir hier in eine Opferhaltung – ich bin das Opfer, dass nichts dafür kann, du bist der Verursacher und somit auch der Täter.

Eine Veränderungsmöglichkeit besteht darin, dass wir versuchen, den anderen dazu zu bringen, dass dieser sich so verhält, wie wir es gerne hätten. Jene Energie, die wir eigentlich für Veränderung bräuchten, geht dann nicht in eine Änderung des eigenen Verhaltens, der eigenen Einstellung, sondern in den Versuch, das Verhalten, die Einstellung oder die Gefühle des anderen zu verändern. Dass kann über Vorwürfe und Forderungen geschehen, aber auch durch emotionale Manipulationen. 

In einer Extremform ist der andere an allem schuld, was mit einem geminderten Einfühlungsvermögen für diese Person einhergeht.  Das kann so weit gehen, dass wir anderen auch die Schuld an deren Schicksalsschlägen geben.
Da kann man nichts machen - die Verantwortung liegt in der SITUATION
Die meisten Menschen geben sich oder dem anderen die primäre Verantwortung. Doch manchmal wird die Verantwortung auch der jeweiligen Situation zugeschrieben. Dann liegt es daran, dass heute ein guter Tag war und ich Glück hatte oder es ein schlechter Tag war und sowieso nichts funktioniert hätte. Es kann auch die Lebensgeschichte verantwortlich gemacht werden – weil ich eine glückliche oder schwierige Kindheit hatte, weil ich ein Mann oder eine Frau bin. Ebenso können wir dem Schicksal, den Sternen oder Karma die Verantwortung für unsere Situation geben.

Mögliche Denkmuster, die auf diese Ausrichtung hinweisen:
  • Ich bin nun mal so, wegen meiner Verletzungen, meiner Gene, meiner Kindheit …
  • Weil das „so“ ist, kann ich mich nicht verändern
  • Das Schicksal meint es gut mit mir oder hat sich gegen mich verschworen
  • Am Freitag den 13en muss ich aufpassen, da passieren schlimme Dinge

Die positive Seite dieser Zuschreibung
In schwierigen Lebenssituationen kann diese Haltung eine Ressource sein. Fühlen wir uns in Situationen, die hilflos und ohnmächtig machen, in etwas Größerem eingebettet, so kann uns dies Trost spenden und Halt geben.

Ist die Situation, das Schicksal oder unsere Kindheit verantwortlich, können wir nichts dafür. Dies kann entlastend wirken, weil das bedeutet, dass mit uns alles in Ordnung ist.

Die negative Seite dieser Zuschreibung
Liegt die Verantwortung in der Situation, können wir nichts mehr bewegen oder verändern. Die Situation ist, wie sie ist. Die größte Gefahr dieser Haltung liegt darin, dass wir passiv werden und nichts mehr tun, alles über uns ergehen lassen und uns dem Schicksal ergeben.


Es erscheint durchaus sinnvoll, sich einmal Gedanken darüber zu machen, wo wir die Verantwortung oder Schuld sehen. In Beziehungen wäre es günstig, gemeinsam zu klären, wo die jeweiligen Verantwortungsbereiche liegen, oder auch zu lernen, Verantwortung abzugeben oder zu übernehmen.
©  Mag. Brigitte Fuchs