Kränkung

Wir alle kennen die Erfahrung von Kränkung. Sind wir einmal in einer Kränkung gelandet, ist es schwierig, aus diesem Gefühl wieder herauszukommen.

Wie viel Absicht liegt in einer Kränkung?

Häufig unterstellen wir dem Auslöser unserer Kränkung eine Absicht. Manchmal wollen Menschen tatsächlich verletzen und kränken absichtlich. Doch viele Kränkungen geschehen auch unabsichtlich. Daher können wir nicht automatisch davon ausgehen, dass uns der andere vorsätzlich kränken wollte. Oftmals weiß der andere gar nicht, dass sein Verhalten oder seine Worte in uns eine Kränkung auslösten. Auch wir können andere kränken, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Eine Kränkung führt oft zu Schweigen und Rückzug

Sind wir erst einmal in einer Kränkung gelandet, fällt es uns schwer mit dem Verursacher der Kränkung überhaupt noch zu kommunizieren. Der andere hat uns zutiefst enttäuscht und wir sind persönlich betroffen und verletzt.  Für uns ist offensichtlich, dass der andere die Kränkung ausgelöst hat. „Damit ist der andere schuld. Er hat uns verletzt, also muss er uns nun entgegenkommen.“ Oftmals ziehen wir uns aufgrund einer Kränkung zurück, warten, dass der andere endlich kapiert, wie sehr er uns verletzt hat. Dumm nur, wenn der andere keine Ahnung hat, dass wir gekränkt sind. Teilen wir dem „Kränkenden“ nicht mit, dass er uns gekränkt hat, geben wir ihm keine Chance unsere Kränkung zu bemerken. Dann verweilen wir – in Erwartung einer Entschuldigung - unnötig lange in unserer Kränkung.

Der Kränkungsschmerz

Kränkung ist eine Form von Schmerz, die weh tut. Meist kränken uns besonders solche Situationen, Worte, Handlungen oder unterlassene Handlungen, wo wir bereits eine „alte Verletzungsgeschichte“ haben. Wie beispielsweise, wenn wir bereits als Kind die Erfahrung machten:

  • dass wir nicht gesehen, nicht ernst oder wichtig genommen wurden,
  • wir nicht das machen durften, was wir wollten – sondern immer Rücksicht auf andere nehmen mussten,
  • andere uns immer sagten, was wir tun sollten,
  • wir nie für unser Bemühen und unseren Einsatz gesehen wurden,
  • wir nicht eingeladen wurden, nicht dabei sein durften, ignoriert oder ausgeschlossen wurden, usw.

Haben wir unsere „alten Verletzungen“ nicht integriert und aufgelöst, sind wir in diesen Bereichen extrem empfindsam. Dann genügen häufig Kleinigkeiten um die „alte Kränkung“ erneut zu aktivieren. Landen wir in einer Kränkung, hat dies oftmals bereits eine längere Vorgeschichte. Das bedeutet, neben der aktuellen Kränkung, kommt die geballte „alte, unaufgelöste Kränkung“ ebenfalls zu tragen.

Die Kränkungswut

Obwohl die Kränkung im Grunde ein Ausdruck eines Schmerzes ist, reagieren wir häufig mit einer Kränkungswut. Können wir nicht gut mit Schmerz umgehen, landen wir in der Aggression. Uns auf die Kränkung einzulassen, würde bedeuten den Schmerz zu fühlen. Um den Kränkungsschmerz nicht in der vollen Breitseite zu spüren, gehen wir in die Aggression. Wir wehren den Schmerz ab, indem wir von uns weggehen. Wir gehen in die Aggression und richten diese nach außen, auf den vermeintlichen Verursacher.

Das Ausagieren der Kränkungswut

Agieren wir die Kränkungswut aus, schaden wir uns selbst, wie dem anderen. Ohne uns dessen bewusst zu sein, verstärken wir unsere Kränkung sogar. Aus der Kränkungswut heraus, kränken wir andere. Indem wir:

  • sie zurückweisen,
  • aus den Kontakt gehen und nicht mehr mit ihnen reden,
  • ihnen Vorwürfe machen,
  • sie abwerten oder
  • gar massiv angreifen.

Agieren wir die Kränkungswut aus, bleibt die Kränkung nicht allein auf uns bezogen. Wir kränken den andern ebenfalls und geben die Kränkung damit weiter. Eine Kränkung ist hoch ansteckend. Durch diese Dynamik wird es zunehmend schwieriger eine Kränkung wieder aufzulösen. Denn einer kränkt den anderen, womit sich die Kränkung auf beiden Seiten steigert. Findet keine Auflösung der Kränkungen statt, kann es so weit gehen, dass der Kontakt abgebrochen wird. Den meisten Kontaktabbrüchen liegen massive Kränkungen zugrunde, die nicht mehr repariert werden konnten.

Der Kränkende soll sich um uns bemühen

Sind wir gekränkt, sind wir oftmals auch beleidigt und schmollen. Wir wollen eine Entschuldigung, wollen, dass sich der andere um uns bemüht. Der Kränkende soll sich um uns bemühen und uns aus unserer Kränkung herausholen.  So ein Verhalten mag unserem Ego schmeicheln, doch nicht jede Kränkung löst sich dadurch wirklich auf. Oftmals hat die Kränkung viel mehr mit unserer Geschichte zu tun, als mit dem anderen. Dann mag sich diese „eine Kränkung“ durch eine Wiedergutmachung auflösen, aber die „alte Kränkungsgeschichte“ bleibt erhalten. Diese wird beim nächsten Mal erneut aktiviert. Werden wir dann beispielsweise abermals nicht gesehen, gewürdigt oder eingeladen, landen wir wiederum in der Kränkung.

Was brauchen wir, wenn wir gekränkt sind?

Sind wir gekränkt – absichtlich oder ungewollt – ist eine psychische Verletzung geschehen. Diese kann nicht einfach ignoriert werden. Es geht darum den psychischen Schmerz der Kränkung auch zu sehen. Natürlich tut es uns gut, wenn der Kränkende unsere Kränkung wahrnimmt.  Doch einem anderen sein Kränkungsgefühl zu erlauben, ist schwierig.

Haben wir selbst jemanden gekränkt, fällt es uns ebenfalls schwer, dem anderen diese Kränkung zuzugestehen. Denn wir gewinnen den Eindruck, wenn wir das Kränkungsgefühl des anderen anerkennen, dann gleicht dies einem Schuldeingeständnis. Das wäre noch möglich, wenn wir den anderen absichtlich verletzt haben. Und auch da fällt es uns schwer. Doch haben wir – nach unserer Ansicht – nichts falsch gemacht, wollten den anderen gar nicht kränken, dann wollen wir diese Schuld nicht auf uns nehmen. Was bedeutet wir wehren das Kränkungsgefühl des anderen ab. Indem wir beispielsweise:

  • dem anderen die Kränkung nicht zugestehen,
  • selbst vorwurfsvoll oder kränkend werden, oder
  • seine Kränkung ignorieren

Dabei vergessen wir, dass die Kränkung nur ein Gefühl ist, dass wahrgenommen werden will. Doch wie sollen wir mit Kränkungen von anderen umgehen, wenn wir es kaum schaffen mit den eigenen Kränkungen und dem eigenen psychischen Schmerz, umzugehen.
Doch auch wenn uns der Kränkende die Kränkung nicht zugesteht, könnten wir uns immer noch selbst um unseren Schmerz kümmern.

Wie können wir Kränkungen wieder auflösen?

Um die Kränkung aufzulösen, hilft es wenn wir uns dem eigenen psychischen Schmerz zuwenden und uns darum kümmern.

In der Beziehung drängt uns danach den, für uns - „verletzenden Kontakt“, abzubrechen. Um aus der Kränkung herauszukommen hilft es, wenn wieder eine Beziehungsannäherung stattfindet. Dazu braucht es ein aufeinander zugehen von beiden Seiten. Beide, der Gekränkte, wie der Kränkende, sind gefordert die Beziehung wiederherzustellen, eine neue Verbindung zueinander aufzubauen. Macht jeder einen Schritt, kann eine erste Annäherung stattfinden. Ein erster Schritt löst die Kränkung nicht sofort auf. Wir brauchen Zeit, bis wir diese verdaut haben und wieder Vertrauen finden.

Halten wir jedoch zwanghaft an unserer Kränkung fest, wollen, dass der andere mindestens genauso leidet wie wir oder ständig etwas tut um die Kränkung wiedergutzumachen, hat der andere im Grunde keine Chance. Dann leiden wir länger, als wir leiden müssten.

©  Mag. Brigitte Fuchs