Der verletzte Mensch und seine Schmerzabwehr

Wir versuchen uns vor psychischen Verletzungen zu schützen


Wir alle werden – mehr oder weniger – psychisch verletzt. Wir treffen nicht durchgehend auf ein verständnisvolles, annehmendes und akzeptierendes Umfeld. Psychische Verletzungen sind somit Zeit unseres Lebens ein Thema für uns.
Bereits in der Kindheit sammeln wir Erfahrungen mit ersten psychischen Verletzungen. Also in einer Entwicklungsphase, in der wir noch keine gefestigte psychische Struktur aufweisen. Die Psyche, wie auch der Körper sind auf ihren weiteren Fortbestand ausgerichtet. Der Überlebensmodus dient dazu, das körperliche Überleben zu schützen, während das psychische Pendant die Aufrechterhaltung der psychischen Struktur gewährleisten soll.
So wie es unterschiedliche körperliche Verwundungen gibt, gibt es auch eine Vielzahl von psychischen Verletzungen.

Einige Beispiele für psychisch verletzendes Verhalten

  • Wir werden nicht oder falsch verstanden,
  • ungerecht beschuldigt,
  • unsere Wahrnehmung wird angezweifelt,
  • wir werden 
    • missachtet,
    • zurückgewiesen,
    • abgewertet,
    • beschämt,
    • bestraft,
    • gemobbt,
    • enttäuscht,
    • unfair behandelt, oder
  • erleben, wie die Eltern sich ständig streiten oder wie sie sich trennen.

 

Solche Momente lösen psychische Verletzungen aus. Haben wir Glück, erkennen nahe Bezugspersonen diese Verletzungen, greifen sie auf und trösten uns. Werden wir mit unseren psychischen Verletzungen gesehen, verstanden und getröstet, können sie relativ rasch verheilen. Doch manchmal bemerkt niemand wie verletzt wir gerade sind. Die Menschen in unserem Umfeld sind beispielsweise selbst überfordert und nicht in der Lage sich um unsere Verletzung zu kümmern oder unfähig mit ihrem eigenen, sowie unserem Schmerz, umzugehen. Selten werden Verletzungen schlichtwegs ignoriert. In solchen Fällen kann die Verletzung nicht gelöst werden. Zurück bleibt eine offene psychische Wunde.
Einmalige kleine psychische Verletzungen können wir selbst ausgleichen. Doch gröbere oder sich wiederholende psychische Verletzung hinterlassen Spuren und brennen sich in unsere psychische Struktur ein. In jenen Bereichen, in denen eine psychische Verletzung existiert, sind wir extrem sensibel. Gerade dort, wo wir verletzt wurden, sind wir besonders verletzlich. Genau in diesen Bereichen versuchen wir uns vor weiteren Verletzungen zu schützen.
Um uns vor weiteren Verletzungen zu schützen, oder diese zumindest abzuschwächen, entwickeln wir eine Schmerzabwehr.

Die Schmerzabwehr

Die psychische Schmerzabwehr gleicht der Wirkung eines Schmerzmittels. Ein gutes Schmerzmittel führt dazu, dass wir den körperlichen Schmerz nicht mehr spüren. Der Schmerz ist zwar weiterhin vorhanden und löst sich durch das Schmerzmittel nicht auf. Lediglich das Wahrnehmen und Spüren des Schmerzes wird abgeschalten.
Die psychische Schmerzabwehr funktioniert ähnlich.  Geben wir das Spüren auf, bleibt der Schmerz weiterhin vorhanden. Ablehnungen, Zurückweisungen, …. all dies verletzt und schmerzt uns weiterhin. Wir haben nur gelernt, den Schmerz nicht mehr zu spüren.

Körperlich wird es gefährlich, wenn das Schmerzempfinden fehlt. Ein Schmerzempfinden ist ein Signal. Ohne Schmerzempfinden ist es schwierig, Verletzungen zu bemerken. Psychisch betrachtet ist es ebenfalls ungünstig, sich nicht mehr zu spüren. Spüren wir uns nicht mehr ausreichend, nehmen wir auch nicht mehr wahr
  • wenn wir verletzt sind. Was dazu führt, dass wir uns nicht schützen und die Verletzung schwerer  wird, als sie vielleicht sonst ausgefallen wäre.
  • wenn wir über unsere eigenen Grenzen oder die Grenzen von anderen gehen.
  • wenn wir uns selbst verletzen, indem wir uns abwerten, nicht wahrnehmen, ignorieren, beschimpfen, usw.

Kurzfristig mag die Schmerzabwehr eine Erleichterung bringen. Wir spüren die Verletzungen einfach nicht mehr. Doch langfristig zahlen wir einen hohen Preis, wenn wir unsere Empfindungsfähigkeit aufgeben. Wir spüren viele Erfahrungen nicht mehr und stumpfen ab. Dann werden wir innerlich kalt, werden zu jenen Menschen, worunter wir selbst einst so sehr gelitten haben.

Mögliche Formen der Schmerzabwehr

  • Werden wir wiederholend verletzt, ruft dies jedes Mal erneut Schmerz hervor. Verweilt diese Person in unserem Umfeld, entkommen wir ihr nicht. Dann versuchen wir dem ständigen Schmerzempfinden zu entkommen. Wir lernen die Verletzung nicht mehr zu spüren und opfern dafür unsere Empfindsamkeit.
  • Werden wir laufend falsch oder nicht verstanden, hören wir auf uns zu artikulieren. Wir sagen nichts mehr, fangen an zu schweigen.
  • Fühlen wir uns immer wieder ungerecht beschuldigt, wollen wir uns verteidigen und rechtfertigen uns für alles.
  • Werden wir öfter angegriffen, zeigen wir nicht mehr wie verletzt wir sind. Wir glauben, wenn unsere Verletzung nicht sichtbar wird, hört der andere auf uns zu verletzen. Daher tun wir so, als würde uns das Verhalten des anderen kalt lassen und nicht berühren.
  • Wir versuchen jene Menschen, die uns verletzen zu meiden, gehen ihnen aus dem Weg. Haben wir gelernt, dass Sozialkontakte verletzend sind, ziehen wir uns zunehmend zurück.
  • Haben wir wiederholte Angriffe erlebt, schützen wir uns indem wir andere angreifen, ablehnen oder massiv abwerten, noch bevor sie uns angreifen oder ablehnen können.
  • Wir beachten jene nicht mehr, die uns durch ihre Missachtung verletzten. Verhalten uns so, als würden sie nicht existieren, wären Luft für uns.
  • Wurden wir immer wieder enttäuscht, verschließen wir uns und werden misstrauisch. Andere müssen uns beweisen, dass sie vertrauenswürdig sind. Oft gehen wir keine Verbindlichkeit mehr ein oder lassen uns auf nichts und niemanden mehr ein.
  • Wir fürchten erneut unfair behandelt zu werden, zu kurz zu kommen oder nicht gesehen zu werden. Um dies zu verhindern kämpfen wir ständig um Gerechtigkeit, Anerkennung oder Aufmerksamkeit.
  • Haben wir ständig Streit erlebt, halten wir negative Stimmungen schlecht aus. Um diesen negativen Stimmungen zu entkommen, versuchen wir unser Umfeld harmonisch zu gestalten, Streit zu schlichten, möchten das sich alle vertragen und vermeiden Konflikte.
  • Um nicht noch einmal die Erfahrung der Verlassenheit zu erleben, brechen wir bereits beim ersten Anzeichen eines Konflikts die Beziehung ab. Wir versuchen uns vor einem erneuten verlassen werden zu schützen, indem wir die Beziehung vorschnell beenden. Wir wollen schneller Schluss machen, als der andere.

 
Psychisch betrachtet ist es eine völlig natürliche Reaktion sich zu schützen. Doch wenn wir die oben beschriebenen Formen der Schmerzabwehr betrachten, so erkennen wir leicht, dass uns diese Schutzreaktionen nicht zwingendermaßen weiterhelfen. In der ursprünglichen Situation mögen sie kurzfristig hilfreich gewesen sein. Doch behalten wir diese Reaktionsform bei, führt diese häufig zu zwischenmenschlichen Problemen. Ausgerechnet unsere Schmerzabwehr trägt zu einer erneuten psychischen Verletzung bei.

Die Nebenwirkungen unserer Schmerzabwehr

  • Wenn wir unsere Empfindsamkeit aufgeben, schützen wir uns nicht mehr rechtzeitig und halten mehr aus, als uns gut tut. Statt Verletzungen zu verringern, sammeln wir nur noch mehr Verletzungen und vergrößern sie.
  • Schweigen wir, werden wir nicht mehr verstanden.
  • Fangen wir an uns zu rechtfertigen, gehen andere automatisch davon aus, dass wir einen Grund haben uns zu rechtfertigen, also eigentlich schuldig sind.
  • Zeigen wir unseren Schmerz nicht mehr, werden andere nicht aufhören uns zu verletzen, weil sie gar nicht erkennen, dass sie uns weh tun.
  • Ziehen wir uns aus den Sozialkontakten zurück, verletzen wir oft andere, die gar nicht wissen, warum wir uns jetzt zurückziehen. Die Gefahr besteht, dass wir zunehmend vereinsamen.
  • Begegnen wir anderen mit Aggression und greifen sie an, fordern wir heraus, dass diese sich wehren und uns ebenfalls angreifen. Werten oder lehnen wir andere ab, lösen wir in ihnen ebenfalls eine Abwertung und Ablehnung aus. So erleben wir, dass wir immer wieder angegriffen, abgelehnt und abgewertet werden.
  • Missachten wir andere, werden jene sich nicht um uns bemühen. Wir verlieren ihre Aufmerksamkeit und werden ebenfalls ignoriert.
  • Gehen wir keine Verbindlichkeit mit anderen mehr ein, hören auch diese auf, verbindlich zu sein und wir werden immer wieder enttäuscht.

 
Ohne uns dessen bewusst zu sein, ruft unsere psychische Schmerzabwehr genau jenes Verhalten im anderen hervor, vor dem wir uns eigentlich fürchten und schützen wollten. Unsere Schmerzabwehr wird uns zum Verhängnis. Aus diesem Grund ist es günstig sich der eigenen Verletzungen, wie des daraus entwickelten Abwehrverhaltens, bewusst zu werden.


©  Mag. Brigitte Fuchs