Spüren, was ist
Gefühle wahrnehmen und darauf reagieren

Wir sind Empfindungswesen

Der Mensch ist ein fühlendes Wesen. Sich zu spüren ist ein Anzeichen von Lebendigkeit. In Phasen, in denen wir uns weniger oder kaum noch spüren, erleben wir uns unlebendig und funktional. Verlieren wir den Zugang zu unseren Gefühlen, werden wir empfindungslos. Über das Spüren erhalten wir emotionale Informationen, was wichtig für uns ist. Es ist gut, sich zu spüren, auch wenn wir manchmal unter unseren Gefühlen leiden.

Die emotionale Entwicklung

Die Empfindungsfähigkeit ist ein angeborenes Potential, das es zu entfalten gilt. Das Umfeld, in das wir hineingeboren werden, beeinflusst, wie wir uns emotional entwickeln. Finden wir ein Umfeld vor, das im Spüren verankert ist, lernen wir, unsere Gefühle und Empfindungen zu differenzieren, zu verstehen und darauf zu reagieren. Stoßen wir auf ein emotional blockiertes Umfeld, auf eine Welt, in der Gefühle keinen sonderlichen Stellenwert haben oder gar als einschränkend angesehen werden, kann sich das Empfindungspotential nicht vollständig entfalten.
Die Möglichkeit des emotionalen Lernens bleibt uns aber lebenslang erhalten. Daher ist es nie zu spät sich den eigenen Empfindungen zuzuwenden.

Spüren, was ist

Alles beginnt mit der Wahrnehmung. Haben wir gelern,t unsere Gefühle und Empfindungen wahrzunehmen, gewinnen wir dadurch die Möglichkeit, darauf zu reagieren. Nehmen wir wahr, dass wir verletzt sind, können wir auch darauf reagieren und uns Trost und Unterstützung holen. Nehmen wir hingegen gar nicht wahr, dass wir verletzt sind, werden wir auch nicht auf unseren Schmerz reagieren. Dann wird die Verletzung nicht gelöst und bleibt bestehen.
Neben der Wahrnehmung des Gefühls braucht es aber auch noch ein Erkennen, um welche Empfindung es sich handelt. Haben wir nicht ausreichend gelernt, unser Gefühlsleben differenziert wahrzunehmen, können wir die jeweilige Empfindung möglicherweise gar nicht zuordnen.

Die emotionale Wahrnehmungsschwäche

Wurden unsere Gefühle und Empfindungen vom Umfeld nicht ausreichend wahrgenommen, nicht aufgegriffen oder angemessen darauf reagiert, lernen wir nicht, unsere Empfindungen differenziert wahrzunehmen. Das führt dazu, dass wir entweder:
  • generelle Schwierigkeiten haben, unsere Empfindungen wahrzunehmen – wir spüren uns kaum und gehen davon, dass wir nicht sonderlich emotional sind
  • oder partielle Probleme mit der emotionalen Wahrnehmung haben – wir nehmen zwar Gefühle wahr, haben aber nicht gelernt das komplette Gefühlsspektrum wahrzunehmen. Können wir beispielsweise keine Aggression in uns erkennen, fühlen wir uns auch nie aggressiv.
Niemand wird empfindungslos geboren. Es kann aber sein, dass wir keine emotional differenzierte Wahrnehmung erwerben konnten oder gelernt haben, die eigenen Gefühle zu ignorieren und uns nicht zu spüren. Bei einigen psychischen Störungen erleben wir ebenfalls eine emotionale Einengung, in der wir nicht mehr viel spüren oder nur noch eine bestimmte Gefühlstönung empfinden.

Gefühlsblind

Haben wir nicht gelernt, Gefühle wahrzunehmen, sind wir nicht nur blind den eigenen Gefühlen gegenüber, sondern haben auch Schwierigkeiten die Gefühle von anderen zu erkennen. Das führt dazu, dass wir weder auf uns noch auf andere emotional reagieren.
Vor allem in Paarbeziehungen und Freundschaften führt das fehlende emotionale Erkennen, wie die damit einhergehende fehlende emotionale Reaktion, zu Konflikten. Wir suchen eine emotionale Resonanz im Anderen. Es verletzt uns, wenn jemand, der uns wichtig ist, nicht auf uns und unsere Gefühle reagiert. Eine Person, die nicht auf Gefühle reagiert, wirkt emotional kalt.

Die emotionale Bewertung

Nicht immer liegt die Ursache der emotionalen Unwissenheit in einer fehlenden emotionalen Wahrnehmung. Gefühle werden nicht neutral betrachtet, sie werden bewertet – von der Gesellschaft, der Familie, von Freunden und schlussendlich auch von uns selbst. Die Bewertung des Gefühls bestimmt, ob und wie wir auf ein Gefühl reagieren.
  • Wenn ein Vater seinem Sohn vorlebt oder erklärt, dass Männer nicht weinen, lernt dieser, dass Traurigkeit ein Zeichen von Unmännlichkeit ist. Er wird versuchen nicht traurig zu sein.
  • Wenn eine Mutter ihrer Tochter vorlebt oder laufend sagt, dass Mädchen nicht aggressiv sind, dann lernt dieses, dass ihre Aggression böse ist und es keine aggressiven Empfindungen haben soll.

Der Wunsch nach positiven Empfindungen

Üblicherweise bevorzugen wir „positive“ Empfindungen, wollen fröhlich, glücklich, begeisterungsfähig, verliebt usw. sein.
Doch die Gefühlswelt ist nicht einseitig, sie ist vielfältig. Es gibt nicht nur angenehme Empfindungen, sondern auch welche, die wir weniger mögen. Empfindungen, die wir gar nicht haben oder spüren möchten, Gefühle, mit denen wir nur schwer zurechtkommen, mit denen wir nicht umgehen können.
Während positive Empfindungen erwünscht und gesucht werden, rufen Gefühle mit einer negativen Zuschreibung häufig einen Leidensdruck hervor. Daher versuchen wir „negativ bewertete Gefühle“ zu vermeiden oder, wenn sie auftreten, möglichst rasch zu unterdrücken oder zu lösen. Dieses Verhalten lernen wir bereits sehr früh. Ein Kind, das eine Schokolade bekommt, weil es weint, lernt sehr früh, seine Traurigkeit mit Süßem zu unterdrücken.

Die emotionale Abwehr / Unterdrückung

Haben wir gelernt, dass ein Gefühl schlecht ist, lehnen wir nicht nur dieses Gefühl ab, sondern wehren es auch ab. Wir wollen dieses Gefühl nicht haben, es nicht spüren! In diesem Fall wäre zwar die Fähigkeit gegeben, das Gefühl wahrzunehmen, doch wir erlauben uns nicht, das Gefühl zu haben. Hinter einer emotionalen Abwehr stehen meist erworbene Glaubensmuster, wie:
  • „Wenn ich traurig bin, wenn es mir nicht gut geht, belaste ich andere!“
  • „Zeige nie, dass du verletzt bist, denn andere nutzen das nur aus. Dann werde ich noch mehr verletzt oder gebe dem anderen auch noch die Genugtuung, mich verletzt zu haben!“
  • „Wenn ich traurig oder bedürftig bin, jemanden brauche, mich hilflos, ohnmächtig, ausgeliefert fühle, dann bin ich schwach!“  - gewisse Gefühle und Empfindungen gelten als Eingeständnis der eigenen Schwäche und werden daher gemieden.
  • „Wenn ich Aggression, Neid, Eifersucht oder Schadenfreude verspüre, bin ich böse.“ -  manche Empfindungen darf man nicht haben, weil man sich sonst als schlechter Mensch fühlt.
  • „Ich habe keinen Grund traurig zu sein, es ist doch alles gut!“

In der emotionalen Abwehr erlauben wir uns nicht, das zu spüren, was wir fühlen.

Unterdrückte Gefühle lösen sich nicht auf

Unterdrückte Gefühle lösen sich nicht einfach auf, sie verweilen im psychischen System. Es ist, als würden wir abgewehrte Gefühle in unserem Keller lagern. Mit der Zeit lernen wir dadurch nicht nur das Gefühl nicht mehr zu spüren, sondern auch, es nicht mehr wahrzunehmen.
Unterdrückt jemand über einen längeren Zeitraum seine Wut, nimmt er diese irgendwann nicht mehr wahr. Das bedeutet aber nicht, dass sich seine unterdrückte Wut aufgelöst hätte. Das Unterdrückte wird lediglich vom Betroffenen selbst nicht mehr wahrgenommen. Das Umfeld jedoch, welches die Wut nicht unterdrückt, kann diese noch wahrnehmen und reagiert darauf. Häufig lösen Menschen, die ihre Wut unterdrückt haben, im Gegenüber ziemliche Aggressionen aus.
Gefühle wie Wut, Kränkung, Schmerz, Trauer oder Schuld lösen sich nicht auf, nur weil wir sie verdammen und ignorieren!

Das emotionale Ausagieren

Unterdrücken wir Gefühle, besteht die Gefahr, dass sich diese Gefühle in uns aufstauen. Die unterdrückte Wut, der unterdrückte Schmerz, die unterdrückte Angst oder Trauer häufen sich an. Das unterdrückte Gefühl gleicht dem Wasserpegel eines Staudamms. Wird zu viel Gefühl unterdrückt, steigt der Wasserpegel an, bis sich das gestaute Gefühl nicht mehr unterdrücken lässt und den Empfindungsraum mit voller Intensität flutet.

Eine geballte emotionale Intensität ist nicht beherrschbar

In solchen Momenten spüren wir all die alten, abgewehrten Gefühle. Die Kränkung, Wut oder der gesammelte Schmerz bricht förmlich aus uns hervor.
Normalerweise können wir mit solch intensiven Gefühlszuständen nicht gut umgehen. Wir werden von der Gefühlsintensität überrumpelt und agieren das Gefühl aus. Ein Gefühl wird dann ausagiert, wenn wir den emotionalen Ausdruck nicht mehr bewusst steuern, sondern unser Verhalten von der jeweiligen Gefühlslage gesteuert wird. Dann schlägt die Wut körperlich oder verbal zu, der Schmerz ist nicht aushaltbar und führt zu einem emotionalen Zusammenbruch, die Verletzung zu einem Abbruch der Beziehung oder die Angst mündet in einer Panik.

Der emotionale Ausdruck

Gefühle können unterdrückt oder ausagiert werden. Im besten Fall werden Gefühle jedoch ausgedrückt.
Es gibt unterschiedlichen Formen des emotionalen Ausdrucks:
  • über den Körper, die Mimik, Gestik, Haltung oder Stimmlage – häufig geht mit dem Gefühlsausdruck eine Veränderung von Körperspannung und Atmung einher
  • über die Sprache – wir reden über unsere Gefühle, lassen andere an unseren Gefühlen teilhaben
  • über Handlungen, kreative wie Schreiben, Zeichnen, Tanzen, oder über körperliche Aktionen wie Sport, können wir ebenfalls Gefühle ausdrücken
Der emotionale Ausdruck entlastet die Psyche. Können wir unsere Gefühle zeigen und darüber reden, dann wird es für andere einfacher uns wahrzunehmen und zu verstehen. Gelingt der emotionale Austausch, entsteht emotionale Nähe.

Unsere emotionale Reaktion

So wie wir lernen, Gefühle wahrzunehmen und zu bewerten, lernen wir auch eine emotionale Reaktion. Nicht immer ist die erworbene emotionale Reaktion jedoch günstig für uns.
Nehmen wir das Beispiel der Überforderung. Sind wir überfordert, brauchen wir Unterstützung. Eine gute Strategie, um eine Unterstützung zu erreichen, wäre es, unseren Gegenüber zu informieren, dass wir überfordert sind, und um Unterstützung zu bitten. Schaffen wir es, klar zu artikulieren, was wir brauchen, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass wir es bekommen. Haben wir jedoch nie gelernt, unsere Bedürftigkeit zu zeigen und klar zu sagen, was wir brauchen, wählen wir andere emotionale Strategien. Dann machen wir dem anderen beispielsweise Vorwürfe, klagen an, beschuldigen den anderen, nicht genug zu tun oder nie zu helfen. Mit dieser Reaktion erfahren wir wahrscheinlich wenig Unterstützung.
Nehmen wir als letztes Beispiel die Angst. Haben wir Angst, brauchen wir Sicherheit und Beruhigung. Auch hier gilt: gelingt es auf andere zuzugehen, zu zeigen, dass wir Angst haben, und um eine Unterstützung zu bitten, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass andere für uns da sind und uns helfen. Neigen wir hingegen dazu, niemanden zu sagen, dass wir Angst haben, bekommen wir auch keine Reaktion. Noch schlimmer wird es, wen wir die Angst in uns nicht beruhigen, sondern uns vorstellen, was alles Schlimmes passieren könnte. Dann verstärken wir die Angst.

Es ist gut, wenn wir darauf achten, was wir fühlen,  und uns auch bewusst werden, wie wir auf unsere Gefühle reagieren.

©  Mag. Brigitte Fuchs